Studie über mediale Berichterstattung 


Vergessene Welten.

Quantitative geografische Mediendiskursanalyse über die Berichterstattung der Tagesschau und ausgewählter Leitmedien

 

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Studie „Vergessene Welten“
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Deutschlandfunk

 

Interview zur Studie in der Sendung „@mediasres“ im Deutschlandfunk am 27. Dezember 2017.


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 Abstract

 

Medien bilden öffentliche soziopolitische Diskurse nicht nur ab, sondern tragen zu ihrer Genese bei.

 

Den Kern der vorliegenden Studie bildet eine quantitative Untersuchung der Bericht-erstattung der Tagesschau in den Jahren 2007 bis 2016 (sowie als Ergänzung 1996 und 2017). Hinzu kommen exemplarische Untersuchungen der Berichterstattungen ausge-wählter in- (Deutschlandfunk, Süddeutsche Zeitung, Der Spiegel, Brennpunkt, Anne Will, Hart aber Fair, [Menschen bei] Maischberger und Maybrit Illner) und ausländischer Medien (CBS Evening News, The Washington Post, Time, The Guardian und Le Monde). 

 

Die Ergebnisse zeigen, dass die Zusammensetzung der Beiträge keine adäquate Widerspiegelung der Welt darstellt (gemessen z.B. an den Bevölkerungszahlen), da sich diese überproportional stark auf den sog. Westen und die Länder des „Orients“ konzentrieren. Dies geschieht insbesondere zu Lasten anderer Staaten der sog. Dritten Welt, die in der Berichterstattung i.d.R. quantitativ stark marginalisiert werden (gemes-sen an ihrer Bevölkerungszahl müsste beispielsweise über die Subsahara-Afrika-Staaten ca. 230% mehr berichtet werden, über Madagaskar sogar über 3200%). 

 

„Dritte-Welt“-Staaten, insbesondere in Afrika, werden in den Nachrichten i.d.R. lediglich berücksichtigt, wenn sie von massiven militärischen oder politischen Veränderungen (z.B. heftigen Terroranschlägen, Kriegen, gewaltsamen Regierungswechseln) oder außer-gewöhnlichen und plötzlich auftretenden Naturkatastrophen (z.B. Erdbeben) betroffen sind. 

 

Anhand dreier Beispiele (der aktuellen Hungersituation in Afrika, der Cholera-Epidemie im Jemen und verschiedener Überschwemmungen im Juli bis Oktober 2017) wird auf-gezeigt, dass selbst extremen Katastrophen, die sich in der sog. Dritten Welt ereignen, bei Weitem keine proportionale mediale Aufmerksamkeit gewidmet wird und sie im Vergleich zu Katastrophen, die im „Westen“ stattfinden, an die Peripherie gedrängt oder im extremsten Fall sogar ignoriert werden. 

Die Hurrikans „Harvey“, „Irma“ und „Maria“ beispielsweise absorbierten im Spätsommer 2017 die außenpolitische Nachrichten-Aufmerksamkeit und lenkten diese auf die USA, während die zeitgleichen Fluten in Südasien vergleichsweise unbeachtet blieben. Die Überschwemmungen, die in dieser Zeit in Nigeria über 100.000 Menschen zur Flucht veranlassten, wurden sogar in nahezu allen Medien ignoriert.

 

Die unausgewogene Berichterstattung kann teilweise höchst dramatische Formen annehmen. Auf die bis heute aktuelle Hungersnot in Ostafrika und der Tschadseeregion, von der im Oktober 2017 mehr als 25 Mio. Menschen betroffen waren (Nachtrag: Ende 2017 waren es fast 37 Mio. Menschen), entfielen in der 20:00 Uhr-Tagesschau von den von Januar bis Oktober 2017 insgesamt über 2.600 ausgestrahlten Berichten nur 11 Beiträge (Nachtrag: Im gesamtem Jahr 2017 blieb es bei 11 Beiträgen von insgesamt ca. 3.160 Berichten). Mit der weltweit größten jemals gemessenen Cholera-Epidemie (Nachtrag: Ende 2017 gab es 1 Mio. Betroffene), die sich derzeit im Jemen ausbreitet und von den Vereinten Nationen als „größte humanitäre Katastrophe der Welt“ bezeichnet wurde, beschäftigte sich die Tagesschau von Januar bis Oktober 2017 sogar in lediglich 9 von insgesamt 4.560 Sendeminuten (Nachtrag: Im gesamten Jahr 2017 waren es 18 von insgesamt ca. 5.475 Sendeminuten).